Ode an die Kälte

Es beginnt auf der Nase. Immer, immer legt sie sich zuerst auf die Nase. Startet ihren Angriff an der Spitze und dringt dann gemächlich aber ohne Unterlass gen Wurzel vor. Dort legt sie sich hin und ich, deren Körper routiniert das Blut durch die Venen befördert werde dem erst gewahr, wenn sie mein Riechorgan erobert und nach der Schlacht dumpf, triefend und leuchtend rot zurückgelassen hat. Gilt das schon als Naturgesetz, frage ich mich? Dann stamme es aus den Zeiten, als sich unsere genetischen Vorfahren vom Gebiet des heutigen Iran nach Osten ausbreiteten und sich dort zum ersten Mal gegen die Bergwinde stemmten. Ein Naturgesetz, das besagt: Die Nase wird als erstes kalt.

Gesetz ist Gesetz, auch wenn ich viel daran auszusetzen hätte. Ungeachtet, in wie viele Schichten an Wolle und Daunen ich meinen Körper wickle. Ich hätte mir viel abgeschaut von der Fauna, die sich im Kampf gegen die Kälte ungemein besser schlägt. So überlegen wir Menschen uns fühlen, so gleicht unsere Haut in der weiten Natur einem Kleinkind in der Mitte eines gefrorenen Sees: Hilflos ausgesetzt.

Ich flüchte mich mit diesem Bild in andere Gedanken in das Innere meines Schädels. So werde ich mir dem Angriff erst gewahr, als er schon geschehen ist. Ich hätte doch schon gelernt, dass die Nase immer erst der Beginn ist. Jetzt werden die Hände, obwohl luftdicht in Handschuhe gebettet, eingenommen. Erst mit einer Wanderung über die Hautoberfläche, ausgehend von den Handgelenken. Dann der zweite Sturm von außen nach innen. Ich kreise die Finger, spanne sie an, reibe sie aneinander so sehr es in dieser Enge möglich ist. Die Kälte bahnt sich ihren Pfad, von außen nach innen, die kleinen zuerst. Sie gewinnt. Immer, immer gewinnt sie. Schon bald sind die kleinen Finger nicht mehr, als tube, starre Fortsätze die ich an mir durch die Gegend trage, vollkommen nutzlos. Jeder Versuch sie anzusteuern scheitert. Erst dann fällt mir auf: An den Füßen ist derselbe Kampf schon geschlagen, große und kleine Zehen schon eingenommen und erstarrt.

Wäre ich nur eine Ente! Fehlte es meinen Füßen nur an Nerven, an Blutgefäßen, so müsste ich nicht miterleben, wie Zeh um Zeh die Versorgungsleitungen gekappt würden. Bald belaste ich nur mehr die Fußgewölbe, stakse durch die Winterlandschaft wie ein Reiher durch das Moor. Finger und Zehen stechen fahl betäubt. Mein nächster Zug erfolgt intuitiv. Rückzug! Rasch breche in ich meine Gehirnwindungen auf und amüsiere mich dort mit Träumereien.

Was, so denke ich, wenn die Kälte nicht mit mir kämpft? Wenn das hier ein Spiel wäre, wie das ganze Leben eines ist? Wenn wir Versteinern spielen? Dann läge die Kälte weit voran, hätte einen Großteil meiner Kameraden außer Kraft gesetzt. Der Gefinkeltste ist noch beweglich. Er ist ob des Ernstes der Lage mutig und fokussiert. Mein Ass steckt unter einer Rüstung an Rippen. Es pumpt, ganz der sture Muskel der es ist Lebensfreude, Abenteuerlust und Wildnis durch die Adern. Ich bin teils versteinert, das Spiel aber noch lange nicht vorbei.

Die Kälte haucht über von feinem Schweiß benetzte Haut. Darunter herrscht Hochbetrieb. Das Herz kämpft, spornt jeden einzelnen Muskel an. Es presst Schweiß aus den Poren, benässt den zarten Flaum am Hinterkopf, den wiederum eine kälte Strömung trifft. Ich spüre mit Haut und Haar, fühle mich in jeder noch so erfrorenen Zelle lebendig. Wenn es das ist, das die Natur mit uns macht, so will ich mit ihr spielen bis mein Herz aufhört zu schlagen.

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